Liebe Frau Beran, Sie widmen Ihr ganzes Engagement, sozusagen Ihr Leben, der Klassischen Reitkunst. Was bedeutet das konkret?

Von Kindheit an stand für mich fest, dass ich mein Leben mit Pferden verbringen möchte und schon früh erkannte ich, dass der einzige Weg zu einer respektvollen und gesunderhaltenden Reiterei über die Klassische Reitkunst führt. Hier ist die Dressur FÜR das Pferd da, nicht das Pferd für die Dressur. Jedes Pferd wird nach einer sorgfältigen Analyse gemäß seiner individuellen Stärken und Schwächen durch sinnvoll aufgebaute Übungen so gymnastiziert, dass es seinen Reiter tragen kann ohne körperlich Schaden zu nehmen. Ein derart ausgebildetes Pferd brilliert unter seinem Reiter und glänzt in Anmut und Schönheit. Aber nicht nur für das Pferd ist die Klassische Reitkunst ein Gewinn, auch der Reiter profitiert enorm! Wer einmal auf einem derart ausgebildeten Schulpferd sitzen konnte, weiß wovon ich spreche. Doch Reiten als Kunst geht viel tiefer: Oberst v. Heydebreck stellte ganz treffend fest „Vergessen Sie nie: Die Reitkunst ist die schwerste aller Künste, denn sie verlangt Körper, Charakter und Geist!“ In diesem Sinne versteht sich die Reitkunst als eine Form von Lebensschule, in der heute oft vergessene Tugenden wie Disziplin, Fleiß, Höflichkeit, Respekt, Verantwortungsbewusstsein und Liebe zur Kreatur elementare Bedeutung haben. Ein Reiter, der sich auf diesen Weg begibt, erfährt in seinem Leben eine Bereicherung, die in jeder Hinsicht unendlich wertvoll ist. So geht es auch mir tagtäglich seit nun mehr als 30 Jahren Tätigkeit als Ausbilderin: ich möchte keinen Tag missen und erlebe immer neue Herausforderungen, die mich antreiben und meinen Erfahrungsschatz erweitern. Mein Bestreben ist es, möglichst vielen Reitern und Pferdefreunden diesen gefühl- und respektvollen Umgang mit den Pferden nahezubringen.

“Es ist mir ein Anliegen durch Vorbilder Bilder von pferdegerechtem Reiten zu schaffen.”

− Anja Beran −

Dieser Wunsch führte im Jahr 2009 sogar zur Gründung der Anja Beran Stiftung, die sich dem Erhalt und der Verbreitung der Klassischen Reitkunst sowie dem Tier- und Naturschutz verschrieben hat. Wie realisieren Sie diese Ziele in der heutigen Zeit, die von Schnelllebigkeit und zunehmender Ökonomisierung geprägt ist?

In der Tat ist das gesellschaftliche Umfeld heute mehr denn je kein leichtes für ein Metier wie die Klassische Reitkunst. Auf der anderen Seite sind es gerade die Irrwege unseres modernen Lebens, die immer mehr Menschen für eine Rückkehr zu Tradition und Werten, zur Natur und für Respekt gegenüber unseren Mitgeschöpfen gewinnen. Immerhin haben wir – zumindest in den wohlhabenden Industrieländern – zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die Gelegenheit dem Pferd, das uns Jahrtausende gedient hat und wie kein anderes Mitgeschöpf die Menschheit in ihrer Entwicklung vorangebracht hat, das zurückzugeben, was wir ihm schulden: Anerkennung, Respekt und Liebe! Vor diesem Hintergrund möchte ich interessierte Reiter und Pferdefreunde mit Hilfe der Anja Beran Stiftung bestmöglich unterstützen, diesen Weg mit ihren Pferden zu gehen. Natürlich gibt es hier keinen Königsweg, denn zur fundierten klassischen Ausbildung fehlt es heute nicht selten an Zeit und Geld – oft aber auch ganz schlicht am Willen. L’art pour art, die Kunst um der Kunst willen, war früher in der Reiterei nicht umsonst allein dem Adel vorbehalten. Glücklicherweise leben wir heute in einer freien, chancengleicheren Gesellschaft und der Weg zum Reiten um seiner selbst Willen steht mehr Menschen offen denn je. Das Problem dabei ist jedoch, dass eine große Zahl Lernwilliger einer sehr kleinen Anzahl an Lehrmeistern und einer noch kleineren Anzahl an Lehrpferden gegenübersteht. Heute ist es üblich, dass unausgebildete Reiter auf unausgebildeten Pferden sitzen – kein Gewinn für beide Seiten, manchmal sogar gefährlich! Dieser Zustand wird sich jedoch nur schwer verändern lassen. So ist mein Weg mit Hilfe zeitgemäßer Kommunikation und Medien möglichst viele interessierte Reiter, Ausbilder, Tierärzte, Osteopathen, Züchter, Sattler und alle, die mit Pferden umgehen, an meinem Erfahrungswissen teilhaben zu lassen. Wichtig ist mir dabei altes Wissen zeitgemäß und neueste wissenschaftliche Erkenntnisse praxisnah zu vermitteln. Und es ist mir ein Anliegen durch VORbilder Bilder von pferdegerechtem Reiten zu schaffen. Denn der Reiter, bzw. der Ausbilder muss sein Auge schulen, um innere Bilder zu entwickeln, die ihm helfen die Theorie korrekt in der Praxis umzusetzen. Gerade heute, wo wir reiterliche Vorbilder im großen Sport schmerzlich vermissen und in der Freizeitreiterei selbsternannte Gurus gutgläubige Pferdefreunde in die Irre führen, sollten wir uns bemühen ein „gutes Bild“ vom Reiten abzugeben. Denn es darf nicht so weit kommen, dass Tierschützer uns Reiter eines Tages zum Wohle der Pferde von unserer Passion abbringen müssen!

Welche Hilfestellung können Reiter und Pferdefreunde von Ihnen bekommen?

Unser Angebot ist so umfangreich wie ambitioniert: Zusammen mit meiner ersten Bereiterin Vera Munderloh betreibe ich im bayerischen Voralpenland auf Gut Rosenhof einen internationalen Ausbildungsstall mit ca. 40 Pferden, zumeist Hengste. Hier sind eine Handvoll gut ausgebildeter Lehrpferde der Anja Beran Stiftung beheimatet, die in Theorie und Praxis der reiterlichen Ausbildung dienen. Darüber hinaus nehmen wir Pferde aus der ganzen Welt zur Ausbildung oder Korrektur in Beritt, einige bleiben aus Überzeugung ihrer Besitzer ein ganzes Pferdeleben lang. Gut Rosenhof ist auch Veranstaltungsort für unsere Sonntägliche Morgenarbeit mit wechselndem Nachmittagsprogramm, bzw. für den Dressursalon in den Wintermonaten und für Seminare zu bestimmten Schwerpunktthemen. Für unser internationales Publikum bieten wir einmal pro Jahr im Juli unseren International Workshop – Get the Spirit! in englischer Sprache an. Hier treffen sich Reiter aus aller Welt – zunehmend auch aus dem deutschsprachigen Raum – um eine Woche lang tief in die Pferdeausbildung nach klassischen Grundsätzen einzutauchen. Alle Veranstaltungen beinhalten theoretische Grundlagen genauso wie praktische Demonstrationen, auch besteht immer die Möglichkeit Fragen zu stellen. Darüber hinaus bietet die Bibliothek allen Besuchern auf Gut Rosenhof eine einzigartige hippologische Sammlung und das passende Umfeld, sich ungestört in die angebotene Pferdeliteratur zu vertiefen. Außerhalb von Gut Rosenhof bieten wir zahlreiche externe Veranstaltungen und Seminare an, meist in Kooperation mit befreundeten Veranstaltern. Ein Höhepunkt gegen Ende unserer Veranstaltungssaison ist die jährliche Fachtagung der Anja Beran Stiftung „Pferdeausbildung mit Gefühl & Respekt“ im Münchner Circus Krone. Hier wird ganztägig jeweils ein Schwerpunktthema in Theorie und Praxis behandelt, bei dem auch externe Referenten zu Wort kommen. Unterricht mit dem eigenen Pferd ist sowohl auf Gut Rosenhof als auch als Teilnehmer bei unseren externen Lehrgängen im Ausland weltweit möglich. Unser ständig wachsendes Vortragsangebot kann jetzt weltweit für die eigene Veranstaltung live vor Ort gebucht werden. Für die reiterliche Fortbildung daheim stehen inzwischen eine ganze Reihe Bücher und DVD’s von mir zur Auswahl. Auch veröffentliche ich regelmäßig Beiträge in Fachmagazinen. Das Angebot kann bequem in unserem Onlineshop, auf unseren Veranstaltungen oder im Handel erworben werden. Von Beginn an arbeiten wir auch mit dem größten Onlinevideoportal wehorse (vormals pferdia) zusammen. Das Filmteam von wehorse besucht uns regelmäßig auf Gut Rosenhof und auch auf der ein oder anderen externen Veranstaltung, um neue Lehrfilme zu produzieren. So erweitert sich unser Angebot an Onlinevideos stetig und bietet eine hervorragende Möglichkeit uns jederzeit und überall bei der Ausbildung von Pferd und Reiter zu begleiten.

“Die klassische Dressur ist Basis für jegliche Art der Reiterei!”

− Anja Beran −

Auf welchen Typ Reiter, auf welche Pferderasse, auf welche Sparte der Reiterei ist Ihr Angebot zugeschnitten?

Es ist mir ganz wichtig zu betonen, dass die klassische Dressur Basis für JEGLICHE Art der Reiterei ist, rasseunabhängig und unabhängig davon, was ich nach der Grundausbildung mit meinem Pferd reiterlich erreichen möchte. Ein Vielseitigkeitspferd, das einmal einen anspruchsvollen Geländeparcours bewältigen soll, hat genauso einen Anspruch auf eine pferdegerechte Grundausbildung wie ein Dressurpferd, das mit der entsprechenden Reife und Ausbildung die Lektionen im Viereck so zeigen kann, wie es seiner Natur entspricht. Und auch der Haflinger, mit dem man am Wochenende ausgedehnte Ritte durch die Natur genießt, muss erst lernen seinen Reiter zu tragen. Denn eins ist klar: das Pferd ist nicht dazu geboren einen Reiter auf seinem Rücken zu tragen! Erst eine pferdegerechte Ausbildung mit ausreichend Zeit und Geduld machen aus dem Fluchttier Pferd einen verlässlichen Partner, der uns ohne Schaden tragen kann. Die Klassische Reitkunst zeichnet sich dadurch aus, dass sie vom Pferd nichts verlangt, was wider seiner Natur ist. Die Lektionen der hohen Schule finden ihren Ursprung im natürlichen Imponiergehabe der Hengste. Niemals verlangen wir künstliche Bewegungen, die Verspannungen und Verschleiß zur Folge haben. Ein Reiter, der sich für die Klassische Reitkunst interessiert, muss nicht gleich die Lektionen der Hohen Schule vor Augen haben. Es geht nicht um das Ziel, es geht um den Weg: Schon an der Basis im Umgang mit dem Pferd führt NUR die Ausbildung nach klassischen Grundsätzen zu einem gesunden, zufriedenen Pferd, das vertrauensvoll und gehorsam seinem Reiter folgt! Deshalb würde ich mich freuen, wenn sich möglichst viele Reiter auf diesen Weg besinnen. Jeder soweit wie er mit seinem Pferd im Rahmen seiner Möglichkeiten kommt – zum Wohle seines Pferdes und letztlich auch zu seiner Freude!

Dann wünschen wir auf diesem pferdegerechten und erfüllenden Weg möglichst viele Begleiter!

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