Seminar „Junge Pferde“ in Schwaiganger bald auch auf pferdia.de

Seminar „Junge Pferde“ in Schwaiganger bald auch auf pferdia.de

Verschneite Gipfel und strahlender Sonnenschein: wieder einmal bot das Haupt- und Landgestüt Schwaiganger für Anja Beran und ihre Gäste einen grandiosen Empfang zum Seminar „Die Ausbildung junger Pferde nach klassischen Grundsätzen“. Gestütsleiter Dr. Eberhard Senckenberg begrüßte mit einer kurzen Ansprache die Besucher auf der voll besetzten Tribüne der großen Reithalle.

Theorie

Anja Beran führte, fachlich unterstützt von Tierärztin Elisabeth Albescu, mit einem Theorievortrag in die Thematik „junge Pferde“ ein. Dabei legte sie Wert darauf, das grundlegende Ziel jeder Dressurausbildung anhand eines Zitates von Waldemar Seunig deutlich zu machen:

„Das junge Pferd muß die zwanglose Natürlichkeit seiner Haltung und die naturgegebene Freiheit und Sicherheit seiner Bewegungen wiederfinden, die es vor der Belastung durch den Reiter hatte.“

− Waldemar Seunig −

Tierärztin Elisabeth Albescu gab einen kurzen Abriss über die Entwicklung des Jungpferdes, vom Zahnwechsel über das Knochenwachstum bis hin zur hormonellen und psychischen Entwicklung. Das alles sollte für jeden Ausbilder und Reiter, der mit jungen Pferden arbeitet zum Basiswissen gehören, um das Training pferdegerecht im Sinne einer Ausbildung nach klassischen Grundsätzen zu gestalten.

Welche Ausrüstung zur Arbeit mit jungen Pferden gehört und wie die einzelnen Ausbildungsschritte aufeinander aufbauen, führte Anja Beran dann unterlegt mit ihrer über 30-jährigen praktischen Erfahrung und anhand von Zitaten, u.a. aus den FN Richtlinien für Reiten und Fahren, aus.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Erlernen der Reiterhilfen. Damit das junge Pferd motiviert, verständig und gehorsam wird und lernt, sich aus eigener Kraft aufzunehmen, fordert Udo Bürger beispielsweise mit diesem sehr plakativen Beispiel den klaren Wechsel zwischen treibenden und verhaltenden Hilfen:

„Es ist nämlich genau so einfach wie beim Autofahren: Wenn man Gas gibt, darf man im gleichen Augenblick nicht bremsen, und wenn man bremst, darf man nicht gleichzeitig Gas geben. Würden die zwischen bremsende Hände und pressende Schenkel zusammengeschraubten Pferde Qualm entwickeln wie angebremste Autos, dann würde mancher eher etwas merken und mancher müsste sein Leben lang mit Rauchschutzmaske reiten.“

− Udo Bürger −

Das erste Ziel in der Jungpferdearbeit formuliert Anja Beran so: „Das Pferd geht unter dem Reiter in horizontaler Balance.“ Kritisch sieht die Ausbilderin den Einsatz von Hilfszügeln, denn „nimmt ein Pferd Schaden durch die Dressur, ist deren Sinn verfehlt!“ mahnt sie. So ist für Anja Beran und Tierärztin Elisabeth Albescu gleichermaßen die Zeit der wichtigste Faktor in der Jungpferdeausbildung nach klassischen Grundsätzen. Vor diesem Hintergrund sieht Anja Beran die Anforderungen, die heutzutage bereits an dreijährige Pferde in Zuchtprüfungen, Körungen, Bundeschampionaten und Auktionen gestellt werden, äußerst kritisch.
In Trickanimationen stellt sie die Bewegungsabläufe einer Remonte nach der klassischen Lehre der heute leider allzu oft praktizierten Methode des „tief und eng“ Einstellens gegenüber und untermauert ihre Analyse mit den Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1:

„ENG UND TIEF – Dieses Vorgehen ist immer eine Folge falsch verstandenen Reitens mit entsprechender Verschlimmerung der oben beschriebenen Konsequenzen. Das Pferd hat so keine Chance, ins Gleichgewicht zu kommen!“

− Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1 −

So führt Tierärztin Elisabth Albescu dem Publikum auch die gesundheitlichen Folgen dieser falsch verstandenen Arbeit deutlich vor Augen.

Zum Ausblick skizziert Anja Beran kurz in der Theorie wie die weitere Ausbildung der Remonte in der klassischen Dressur verläuft, bei der die Gymnastizierung in den Seitengängen eine zentrale Rolle spielt. Dieser Arbeit muss jedoch immer eine Analyse der individuellen Schwächen und der natürlichen Schiefe des Pferdes vorangehen, denn die klassische Dressur kennt kein Vorgehen nach Schema-F!

Praxis

Das wird vor allem im nun folgenden Praxisteil mit ganz unterschiedlichen Jungpferden deutlich: Ein Achal Tekkiner, ein Haflinger, eine Bayernstute und ein Bayernhengst – die letzteren drei alle im Haupt- und Landgestüt Schwaiganger gezogen – zeigen eindrucksvoll wie Anja Beran in ihrer Arbeit auf jedes einzelne Pferd eingeht.

Den Anfang macht der fünfjährige Achal Tekkiner Degni Shael unter Anja Berans erster Bereiterin Vera Munderloh. Degni Shael kam vor ca. drei Monaten aus Russland zu Anja Beran, wo er schon auf der Rennbahn gelaufen ist. Degni Shael wird in der großen Reithalle von Schwaiganger an der Longe geritten, um dem jungen Pferd bei seinem ersten öffentlichen Auftritt und noch dazu in fremder Umgebung Vertrauen und Sicherheit zu geben. Der Achal Tekkiner zeichnet sich jetzt schon durch seine imposante Bergauf-Galoppade aus, die für den Reiter purer Genuss ist.

Danach kommen zwei im Haupt- und Landgestüt Schwaiganger gezogene und beheimatete Pferde in die Bahn: der vierjährige Haflingerhengst Stakkato unter HLG-Bereiterin Isabelle Platz und die ebenfalls vierjährige Warmblutstute Sans Souci unter HLG-Azubi Ina Weinmann. Stakkato ablolviert seinen Auftritt vor großem Publikum ganz souverän. Bei ihm legt Anja Beran Wert auf einen gleichmäßigen ruhigen Schritt, auf ein Annehmen der Reiterhand und eine prompte Reaktion auf den Schenkel. Die Analyse der natürlichen Schiefe ist wichtig als Basis für die weitere Arbeit, denn gerade bei Stakkato kann man die unterschiedliche Händigkeit deutlich erkennen. Der Haflingerhengst glänzt aber mit einer schwungvollen Galoppade und einer extra Portion Haflinger-Charme. Der Stute Sans Souci ist die Nervosität deutlich anzumerken, aber Anja Beran beschäftigt das energiegeladene Pferd im lockeren Trab, um zur Losgelassenheit zu kommen mit ruhiger Arbeit und einem Reiter, der das junge Pferd nicht stört. Oberste Priorität ist dabei, dass die Stute gut auf die Hilfen ihrer Reiterin regiert. Zum Abschluss zeigt Anja Beran mit Stakkato und Isabelle Platz am Boden noch eine wichtige Übung in der Jungpferdearbeit: das Überteten an der Hand.

Den krönenden Abschluss macht der sechsjährige gekörte Hengst Bailando, gezogen in Schwaiganger, unter Pferdewirtschaftsmeisterin Eva Steinbach. Da der Hengst sehr nervös und energiegeladen ist, beginnt Anja Beran die Arbeit gleich im Trab: „Man muss schauen, dass man sein Programm dem Pferd anpasst“, erläutert die Ausbilderin ihre jederzeit flexible Herangehensweise. Bailando ist ein Pferd mit großem Potenzial „und gerade bei so einem Pferd muss man aufpassen, dass man nicht zu viel verlangt, sich stets hinterfragen und das Pferd vorsichtig aufbauen“ fasst Anja Beran ihren Ausbildungsweg mit dem Hengst zusammen. Bailando beeindruckt mit seiner extrem schwungvollen Galoppade – „nur Fliegen ist schöner“ so seine Reiterin Eva Steinbach. Die Piaffe reift allmählich heran, noch etwas rückstellig im Vorderbein, aber bereits mit schönerem Hals, besserer Anlehnung und mehr bergauf, als zu Beginn.

Nach diesem praktischen Teil steht Anja Beran den Besuchern noch für Fragen zur Verfügung und bedankt sich dann bei allen fürs Kommen. Fotografin Maresa Mader hat wie immer die schönsten Momente dieser Veranstaltung mit der Kamera eingefangen, von denen ein kleiner Ausschnitt, ergänzt mit Bildern von Inge Vogel, unten in der Bildergalerie zu sehen ist.

Wer nicht dabei war, kann das Seminar demnächst auf pferdia.de als Onlinevideo sehen, denn Thomas Vogel von pferdia hat die gesamte Veranstaltung mitgefilmt: www.pferdia.de

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